Mehr als Sport: Wie Thüringer Sportvereine seit 35 Jahren Integration leben
2026 feiert das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ im Landessportbund Thüringen 35-jähriges Bestehen. Inzwischen engagieren sich durchschnittlich 60 Stützpunktvereine im Projekt – einer davon ist der TSV 1886 Gera-Leumnitz.
Aus einem Traditionsverein, über dessen Zukunft diskutiert wurde, ist ein lebendiger Treffpunkt für Sport, Gemeinschaft und Begegnung geworden. Der TSV 1886 Gera-Leumnitz setzt auf neue Ideen, Integration und Offenheit. Mit viel ehrenamtlichem Engagement sind Angebote für Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Voraussetzungen entstanden. „Wir wollen ein stabiler Anker sein“, sagt Vorsitzender Marc-Manuel Moritz. Der Verein erhielt zudem für sein Wirken am 23. Juli von der DFB Stiftung die Sepp-Herberger-Urkunde 2026 in Anerkennung seiner Verdienste um die Einbindung von Fußballerinnen und Fußballern mit Behinderung.
Als Marc-Manuel Moritz während des ersten Corona-Lockdowns durch Gera-Leumnitz spazierte, ahnte er nicht, dass dieser Spaziergang sein Leben verändern würde. „Ich bin damals eher zufällig auf den Verein gestoßen“, erinnert sich der heutige Vorsitzende des TSV 1886 Gera-Leumnitz. Selbst in keiner Mannschaft aktiv, dafür aber im Ort verwurzelt, begann er sich für den Traditionsverein zu interessieren – und übernahm schließlich Verantwortung. Im Oktober 2021 wurde Moritz zum Vorsitzenden gewählt. Gemeinsam mit einem neu formierten Vorstand leitete er einen grundlegenden Wandel ein.
Dabei stand der Verein damals an einem schwierigen Punkt. Die Corona-Pandemie hatte das Vereinsleben stark ausgebremst, viele Angebote lagen brach, die Mitgliederzahlen gingen zurück. „Protokolle belegen, dass sogar schon über eine Auflösung diskutiert wurde“, sagt Moritz. Doch statt Stillstand setzte der neue Vorstand auf Aufbruch: junge Leute, frische Ideen und die Bereitschaft, anzupacken. Ein Beispiel dafür: Gerade wird die vereinseigene Turnhalle saniert, der Sozialtrakt erneuert – vieles davon in Eigenleistung.
Dass der Wandel gelang, hat auch mit den Erfahrungen des neuen Vorsitzenden zu tun. Der ausgebildete Bankkaufmann und studierte Staatswissenschaftler arbeitete unter anderem für Elisabeth Kaiser, die heutige Ostbeauftragte der Bundesregierung, und sammelte politische Erfahrungen. Dadurch weiß er, wie Förderprogramme funktionieren – und wie Vereine davon profitieren können. „Das Geld ist oft da. Man muss nur wissen, wie man es anzapft“, sagt Moritz, der bis zu 20 Wochenstunden in den Verein und weitere Ehrenämter investiert. Auch seine Frau engagiert sich stark, leitet unter anderem das Kindersporttraining.
Auf Kulturabende folgen neue Sportangebote
Ein entscheidender Moment kam mit dem Beginn des Ukrainekriegs. Geflüchtete Menschen suchten Anschluss, Begegnung und Gemeinschaft – und fanden sie auf dem Vereinsgelände. Zuerst entstanden Kulturabende der ukrainischen Community, danach neue Sportangebote. Fußball- und Volleyballfelder wurden zu Orten des Austauschs. „Ob aus dem Nahen Osten, der Ukraine oder Vietnam: Dem Ball ist egal, wer mit ihm spielt“, betont Moritz.
Seit 2023 gewann das Thema Integration noch einmal deutlich an Dynamik. Gemeinsam mit Jana Conrad vom Programm „Integration durch Sport“ des Landessportbundes Thüringen entwickelte der Verein seine Angebote weiter. 2024 wurde der TSV schließlich offizieller Stützpunktverein. Die Unterstützung durch das Bundesprogramm und den Landessportbund half dabei nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich. So konnte der Verein beispielsweise neues Trainingsmaterial und hochwertige Bälle anschaffen – ein Gewinn für alle Mitglieder. „Und damit steigt auch die Akzeptanz aller“, sagt Moritz.
Integration bedeutet in Leumnitz dabei weit mehr als die Arbeit mit Menschen aus vielen Nationen. Der Verein versteht sich als Ort für alle Menschen. So gehören heute auch inklusive Angebote wie „PingPong Parkinson“ oder Unified Football zum Vereinsleben. „Menschen begegnen sich hier auf Augenhöhe, unabhängig von Sprache, Herkunft oder Einschränkungen. Sport kann ein unglaublich starker Hebel sein“, sagt Moritz.
Ideen werden nicht im Keim erstickt
Besonders wichtig ist dem Verein die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Gerade in Gera sei die Vereinsbindung von Kindern geringer als im landesweiten Durchschnitt, beobachtet Moritz. Vor allem beim Übergang von der Kita in die Schule gingen viele Kinder dem organisierten Sport verloren. Der TSV versucht deshalb, früh passende Anschlussangebote zu schaffen. Leistungssport steht dabei nicht im Mittelpunkt. „Bewegung per se ist wichtig. Wir denken vordergründig nicht in Leistung, sondern in Gemeinschaft, Fairplay und Teamwork“, sagt er.
Die neue Offenheit des Vereins brachte allerdings auch Herausforderungen mit sich. Nicht alle Mitglieder wollten den eingeschlagenen Kurs mittragen, einige verließen den TSV. „Aber die große Mehrheit trägt den Weg mit. Und wir konnten neue Mitglieder gewinnen“, sagt Moritz. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Zählte der TSV 2021 noch 169 Mitglieder, sind es heute bereits 260 – rund zwölf Prozent davon mit Migrationshintergrund. Damit dieser Weg gemeinsam funktioniert, setzt der Verein auf eine offene Kommunikation. Eine WhatsApp-Community mit zahlreichen Gruppen, persönliche Gespräche und Transparenz sorgen dafür, dass alle eingebunden bleiben und eigene Ideen einbringen können.
So testete der Verein unter anderem Darts und Selbstverteidigung für Frauen – beides fand jedoch wenig Resonanz. Für Moritz ist das kein Problem: „Ideen scheitern auch mal. Wichtig ist, dass sie nicht sofort im Keim erstickt werden.“
Susann Eberlein

